Zum Kriegsende vor 75 Jahren

Bild: Kai Koeser

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Am 9. Mai 1945 schwiegen endlich die Waffen in Europa. Deutschland war besiegt und besetzt, die Städte lagen in Trümmern. Der Krieg, den Deutschland heraufbeschworen hatte, war mit zerstörerischer Kraft über das Land und die Menschen hinweggerollt. Viele Deutsche hatten Familie und Heimat verloren, sie waren die letzten Opfer von Hitlers Vernichtungswahn.

Dennoch ist der 8. Mai ein Tag der Befreiung – der Befreiung vom verbrecherischen Nazi-Regime. Angesichts von Zerstörung, Leid und Tod mag das damals nicht das vorherrschende Gefühl gewesen sein. Ich frage mich manchmal, ob selbst die Menschen, die den Terror der Konzentrationslager überlebt hatten, das Ende der Nazis als Befreiung erleben konnten. Sie waren physisch und psychisch vom Leid gezeichnet, viele starben später an den Folgen ihrer Lagerhaft. Kann man von einem solchen Leid jemals wirklich befreit werden? Lässt einen das Erlebte jemals wieder los?

Für uns steht der 8. Mai heute für die Freude über das Kriegsende und die Befreiung vom Nationalsozialismus. Für uns steht der 8. Mai aber auch immer für die 60 bis 70 Millionen Todesopfer von Krieg und Rassenwahn. Das eine gehört zum anderen. 1945 ist nicht vorstellbar ohne 1933.

Fassungslos blicken wir heute zurück auf das ungeheure Menschheitsverbrechen des Holocaust. Voller Trauer blicken wir aber auch auf die Opfer von Bombenkrieg, Hunger, Flucht und Vertreibung. Wir gedenken aller Opfer. Ursache und Wirkung sind uns dabei schmerzlich bewusst. 1945 ist nicht vorstellbar ohne 1933.

Die Traumata von Krieg und Vertreibung setzen sich über mehrere Generationen fort. Inzwischen haben wir aber eine Generation, für die der Holocaust, Krieg und Nachkriegselend nicht mehr direkt greifbar sind. Erlebte Geschichte wird zur Geschichte, verliert Relevanz und wird vergessen. Hier sind wir alle in der Pflicht!  Darum ist der 75. Jahrestag des Kriegsendes nicht nur ein Tag des Gedenkens, sondern ein Auftrag für den Erhalt von Frieden, Demokratie und Völkerverständigung.

Heute scheint der Frieden sicher. Das Grauen des Krieges ist vergessen oder weit genug entfernt von uns. Doch wir erleben, dass die alten Muster noch funktionieren – gerade in Krisenzeiten; das Ausgrenzen und Abgrenzen, das „Wir“ gegen „Die“. Wir müssen weiter jeden Tag daran arbeiten, Vorurteile abzubauen. Wir müssen uns weiter entschieden gegen Antisemitismus, Homophobie, Rassismus und Nationalismus stellen.  Wir müssen Menschenverachtung entschieden entgegentreten, dazu gehört auch, dass uns jedes Leben gleich viel wert ist. Wir wollen aus der Geschichte Kraft für die Gestaltung der Zukunft gewinnen.

Darum erinnern wir uns an Betty Uhlendorf, die nur 6 Jahre alt wurde.

Wir erinnern uns an Wilhelmine Siebe, die in den Selbstmord getrieben wurde.

Wir erinnern uns an Heinrich Waller, der nach dem Krieg an den Folgen der Haft gestorben ist.

Sie stehen heute stellvertretend für die zahllosen Opfer.

Sie alle sind uns Mahnung für die Zukunft.

Kai Koeser